Montag, 9. Juli 2012

Potosi (Bolivien) - In der Mine des Teufels

Potosi, auf 4.070 Metern die höchste Stadt der Welt, war über Jahrhunderte die reichste Stadt Südamerikas und im 17. Jahrhundert größer als Paris oder London. Diesen Wohlstand verdankte Potosi dem Berg Cero Rico, der braun und unschön über der Stadt thront. In der Kolonialzeit haben die Spanier hier der Legende nach soviel Silber abgebaut, dass sie eine Brücke aus Silber von Potosi nach Madrid hätten bauen können und immernoch genug Silber gehabt hätten, um es über diese nach Spanien zu bringen.
Die reichen Silbervorkommen sind aber bereits seit Jahrhunderten abgebaut, die Spanier sind zurück in Spanien und haben ganz andere Probleme. Aber Potosi und den Cero Rico gibt es immernoch und auch heute arbeiten noch zehntausende in seinen Minen und bauen Mineralien ab. Insgesamt sollen 8 Millionen Menschen (meinen Schätzungen zufolge 7,99 Mio. davon Indios) in oder durch die Minen umgekommen sein, darunter auch viele Kinder, denn auch heute arbeiten Schätzungen nach noch 800 Kinder in den Minen.
Nachdem ich das imposante Münz- und Silbermuseum besucht und den Film "The Devils Miner" - über die Kinderarbeit in den Minen - gesehen hatte, war für mich klar, dass man Potosi nur verstehen kann, wenn man selbst die Minen besucht hatte und so buchte ich für den nächsten Tag eine von ehemaligen Minenarbeitern geführte Tour.

Potosi 4.070 meters above sea level - a wicked city

The Cerro Rico - Curse and blessing of Potosi
Der Tag begann mit dem Besuch des Miner-Markets. Hier kaufen die Mineros alles was sie für ihre Arbeit in den Minen brauchen und wir kauften gerne ein paar Geschenke für unseren Besuch in den Minen. Ich persönlich entschied mich gegen 96% Alkohol (ja, zum trinken) und filterlose Zigaretten, die wahrscheinlich mehr Schadstoffe enthielten als als was in den Minen eingeatmet werden kann und kaufte harmlose Geschenke wie Saft, einen Beutel Kokablätter (den ich zur Hälfte selber kaute, wobei ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich eine positive Wirkung feststellen konnte) und eine Stange Dynamit inkl. Zündkabel. Das alles bekommt man dort an einem Büdchen wie in Deutschland ne Tüte Buntes mit ohne Lakritze. Und wenn es erstmal sehr befremdlich war echtes Dynamit in der Hand zu halten, legten wir doch schnell die Furcht ab (evtl. ja doch durch Einfluss der Kokablätter?) und konnten es uns nicht verkneifen lustige Fotos zu schießen und zu überlegen was man mit dem Dynamit so alles anstellen kann (z.B. einem ungeliebten Zeitgenossen ins Gepäck stecken, bevor er sich auf den Weg zum Flughafen macht...).
Presents for the miners: Coca leaves, dynamite, 96% alcohol and cigartes (which I replaced with a refreshing juice)
Yes, that is real dynamite with a real fuse in my mouth... Don't ask me how it got there
Dann ging es hinein in die Minen. zuerst passierten wir einen Blut bespritzten Eingang und erhielten die Erklärung, dass am Tag zuvor ein Lama zu Ehren Tios, einem Gott oder Teufel gleichen Wesen, das über Leben und Tod der Mineros innerhalb der Mine richten soll, geopfert wurde und das Blut des Lamas wurde in Eimern gesammelt und dann an die Wände der Mine und der umliegenden Häuser gegossen. Kurz nachdem wir in die Anfangs noch geräumige Mine gegangen waren, erreichten wir eine Tio Statue. Ein solches Abbild Tios befindet sich in jeder Mine am Cero Rico und die Mineros verehren ihn und huldigen ihm mit kleinen Opfergaben wie Kokablättern, Alkohol oder Zigaretten. Auch wir legten sicherheitshalber ein paar Kokablätter vor ihm nieder, man weiß ja nie...
Als wir immer tiefer in das Innere der Mine vordrangen, wurden die Gänge enger und teilweise mussten wir kriechen oder klettern. Irgendwann trafen wir dann auf die ersten Mineros, einer von ihnen gerade einmal 14 Jahre und schon seit 2 Jahren dabei und überreichten ihnen unsere Geschenke. Genau wie unsere Guides verströmten auch diese Arbeiter eine außergewöhnlich heitere Stimmung und scherzten über die Gefahren der Arbeit. Auf der einen Seite stand dies im krassen Gegensatz zu der Aussage des deutschen Films "The Devils Miner", der ein sehr düsteres Bild von der Arbeit in den Minen zeichnet, auf der anderen Seite kann man einen solch harten Job, der einen mit größter Wahrscheinlichkeit auf irgendeine Art und Weise (die meisten Minder haben Lungenerkrankungen) das Leben kosten wird, wahrscheinlich nicht machen, wenn man sich nicht einredet, dass das alles eine große Ehre ist und man das stolze Erbe der Väter und Kollegen weiterträgt. Was sollen sie auch anderes machen, Perspektiven gibt es in Potosi nicht viele.
Tio - The god / devil that the miners belive to rule in the mines. We sacrificed some coca leaves for his blessing
If it looks toxic... it might be toxic

My new colleagues
Nachdem wir die Mine heil verlassen hatten, zündeten zwei unserer Guides noch zwei der Dynamitstangen und durch eine ohrenbetäubende Explosion mit ordentlicher Druckwelle hatten wir den Beweis, dass wir da keine Knallfrösche mit uns rumgeschleppt hatten.
Als wir bereits auf dem Heimweg waren erhielt einer der Guides einen Anruf und teilte uns mit, dass die Tochter eines Freundes am Vortag getauft wurde und die Familie immer noch feiert. Er hat seinem Freund gesagt, dass er mit einem Dutzend neuer Freunde vorbei kommt und so fuhren spontan zu der Feier. Im Hinterhof eines Hauses wurden wir mit einem nicht versiegendem Strom von Bier und "Longdrinks" (96% Alkohol + x) empfangen. Zwar gab es nur drei Gläser, aber die ließen wir zwischen 20 Leuten kreisen, Herpes lässt grüßen. Auch ein Mittagessen wurde uns ohne Chance auf Gegenwehr angeboten, wobei das Hühnchen hervorragend war, die Reispampe mit Käse aber nur aus Gründen der Höflichkeit so weit es ging hinunter gewürgt wurde.
Nach drei feucht fröhlichen Stunden, von unserem Guide waren zuvor 20 Minuten "Hola" sagen und ein Bier trinken, angesagt gewesen, machten wir uns dann auf den Rückweg in die Innenstadt und nahmen einen tiefen Einblicks in das Leben der Mineros zwischen fröhlicher Kameradschaft und schwerem Leiden mit.
Wer Potosi verstehen will, muss in die Minen gehen. Eine intensive Erfahrung.

I survived the mines! And yes, that is blood on the rocks. A Llama was sacriviced to Tio the day before
I found a quite big chunk of silver. Those mineros will regret not hiring me!
Our guides prepare the dynamite and make hell of a show out of it (juggeling with burning dynamite was just one of the stunts)
Finally the proof that the stuff we were carrying in our bags all the time was real, explosive, deadly dynamite

Backyard party at a house of a miner. The canisters in the front conatin sick alcolic drinks

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